In der Kategorie Wort finden sich mehrere Wörter, die zusammen Texte ergeben. Die meisten davon sind im UniverSatiremagazin "Der Querulant" erschienen, andere gibt es nur hier. Wer die Satiremagazine, von denen insgesamt 5 in gedruckter Form erschienen sind, in Gänze genießen möchte, der kann sie sich hier als pdf-Datei herunterladen, es lohnt sich:
Der Querulant - Universatire
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Der folgende Text ist in gekürzter Form im Katalog zur Ausstellung "Ortlos - Vom Sehnen und Suchen" (11.07.-07.09.2008, Zeppelin Museum Friedrichshafen) erschienen.
Wer bin ich? Das Rollenspiel der Moderne
Die geistige Vorstellungskraft ist die zentrale Voraussetzung für das Entstehen von Sehnsucht. Und die mal wilden, mal ruhigen Gewässer unserer Vorstellung sind uferlos. Es gibt nichts, was man sich nicht vorstellen könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass uns die Moderne heute mit vorgefertigten Vorstellungen überschüttet. Wir werden belagert von idealisierten Bildern, sind umzingelt von vorbildhaften fiktiven Figuren. Die Sehnsucht nach den Idealen wird medial entfacht, indem Perfektion nicht nur als erstrebenswert, sondern auch als machbar dargestellt wird. Das Supermodell im körperlichen Bereich, der Topmanager im finanziellen Bereich, das Künstlergenie im kulturellen Bereich, der Fußballstar im sportlichen Bereich etc. Diese idealisierten Identitäten fungieren als normative Folie, vor der unsere eigene Identität nur als unzulängliche Diskrepanz wahrgenommen werden kann. So ist das Ich lebenslang auf der nicht enden wollenden Suche. Dabei sind die ersehnten Ideale stets nur Teilidentitäten, perfektionierte Bruchstücke. Indem der Mensch der Pluralität der idealisierten Teil-Identitäten ausgesetzt ist, verliert er sich in ebenso vielen Sehnsüchten, seine eigene Identität wird durch die unendliche Suche nach Verbesserung zur Dauerbaustelle.
Die Arbeiten auf einer solchen Baustelle hat der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem Roman Mein Name sei Gantenbein literarisch umgesetzt.
Der Titel des Romans von Max Frisch verweist bereits auf die erzählerische Grundintention, verschiedene fiktive Identitäten zu erfinden. Der Erzähler versucht das vergangene Geschehen durch verschiedene Perspektiven wahrzunehmen, neben dem blinden Gantenbein erfindet er die Identitäten des Architekten Svoboda und des Kunsthistorikers Enderlin.
Ich stelle mir vor…
Mit dieser Formel werden die verschiedenen Passagen eingeleitet, in denen sich der Erzähler das Geschehen jeweils aus einer von ihm imaginierten Identität aus in Erinnerung zu rufen versucht. Es handelt sich bei den oben genannten Figuren um variierende Personifikationen seines Ichs. Max Frisch erschuf ein literarisches Spiel, bei der die Pluralität der Möglichkeiten experimentell veranschaulicht wird. Das Spiel besteht aus einer Suche, der Suche nach der idealen Identität.
Jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle
Die eingenommenen Erzählperspektiven haben alle etwas unverbindliches. Die Identitäten sind Rollen, bzw. soziale Masken. Aus diesem Grund entscheidet sich der Erzähler letztendlich auch für die Rolle des Gantenbein, da vor dem vermeintlich Blinden alle anderen denken, ihr Rollenspiel aufgeben zu können. So wird Gantenbein zum idealen Beobachter seiner demaskierten Umwelt. Gleichzeitig werden dadurch die Rollen als etwas extrem Künstliches entlarvt, sie werden eingenommen, um der Umwelt etwas vorzuspielen.
Ich probiere Geschichten an wie Kleider
Dieser Vergleich drückt nicht nur die ungezwungene Aneignung von verschiedenen Identitäten durch den Erzähler aus, sondern offenbart auch die Probleme der Identitätsfindung in der Moderne. Die Kleidung hat sich von ihrem funktionalen Zweck der Körpererwärmung zum Konsumgut und Statussymbol entwickelt. Als Statussymbol ersetzt die Kleidung die Suche nach einem inhaltlichen Gehalt der sozialen Rolle, sie funktioniert als Maske. Die Mode, eine von dem abstrakten Gebilde namens Gesellschaft bestimmte Kleidungsnorm, weckt bewusst Sehnsüchte. Dabei spielt jedoch eher die kollektive Identität eine Rolle, was bestimmt jedoch die Suche nach der individuellen Identität?
Was die individuelle Identität ist oder sein kann, hat Hermann Hesse in seinem Roman „Der Steppenwolf“ wunderbar poetisch zum Ausdruck gebracht:
"In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. Dass jeder einzelne dies Chaos für eine Einheit anzusehen bestrebt ist und von seinem Ich redet, als sei dies eine einfache, fest geformte, klar umrissene Erscheinung: diese, jedem Menschen geläufige Täuschung scheint eine Notwendigkeit zu sein, eine Forderung des Lebens wie Atemholen und Essen."
Nach Hesse ist die Identität nicht zu fassen, sie hat keinen festen Ort, ist eher ein Reich des Dazwischen.
Viel einfacher, aber nicht weniger beeindruckend, wird die Problematik in einem alten Volkslied behandelt:
Wenn ich ein Vöglein wär,
Und auch zwei Flüglein hätt,
Flög ich zu dir;
Weils aber nicht kann seyn,
Bleib ich allhier.
Die Sehnsucht nach einer anderen Identität, die eines Vogels, wird hier als unmöglich akzeptiert. Tragisch ist dies jedoch nur deswegen, weil hinter diesem Wunsch eine andere, viel stärkere Sehnsucht steht: Die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen Dieses Urgefühl der Menschheit kann zum positiven Antrieb werden und hat nicht wenige große Werke in Kunst, Musik und Literatur zu verantworten.
Sie kann aber auch extrem melancholisch daherkommen, etwa wenn Onkel Dagobert den Brief, indem die stolze Klondike-Schönheit Lily ihm ihre Liebe gesteht, ungeöffnet in den Schnee wirft, weil er statt der potenziellen Ernüchterung lieber ein Leben lang von der Möglichkeit träumen möchte, geliebt zu werden.
Frisch sieht, ähnlich wie Hesse, die Identität nicht als etwas Feststehendes an. Sein literarisches Spiel enttarnt die Kontingenz des Lebens, indem der Lebensweg als eine Ansammlung von zufälligen, keineswegs alternativlosen Handlungen dargestellt wird. Dabei ist der Versuch, die Wirren des Lebens in den festen Rahmen einer Identität zu zwängen, nur eine Interpretation, eine willkürliche Festsetzung. Denn jedes ich, dass sich ausspricht, ist eine Rolle. Am Ende des Romans gibt sich der Erzähler, nach langer Identitätssuche in der Gegenwart angekommen, befreit von sämtlichen Rollenspielen und Sehnsüchten:
Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir –
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UNSINNIGE SPRICHWÖRTER - Eine Veröffentlichung des Aktionskomitees zur Eliminierung dummbatziger Redensarten aus der Kommunikationskultur der menschlichen Gemeinschaft, kurz AkzEdummRadKdmG
Folge 1: „Wer saufen kann, kann auch arbeiten!“
Wer kennt nicht die folgende Situation, die sich vorwiegend gegen 5 Uhr morgens auf geselligen Zusammenkünften auf Alkoholbasis abspielt: Man ist gut drauf, das Thema kommt auf eine baldige terminliche Verpflichtung, z.B. sagt dir deine Mitbewohnerin: „Hömma, musst du nicht morgen schon um 10 bei deinem Vater sein, ihm irgendwas ausbuddeln helfen?“ Und du sagst, in bewunderungswürdiger, weil total realistischer und analytischer Beurteilung der Situation: „Öh, das sehe ich jetzt so noch nicht kommen….. kähähä!“
In diesem Moment wirst du aus dem Munde eines mit angezogener Handbremse trinkenden Klappspatens, der sich nie für einen dämlichen Spruch zu schade zu sein scheint, mit folgender Phrase beschallt:
„Wer saufen kann, kann auch arbeiten!“
Begleitet wird dieser Ausspruch von einem überlegenen und nach Zustimmung heischenden Grinsen, und du denkst dir: „Verdammt, eine Redensart, dagegen kannst du nix machen, also schnell nach Hause jetzt“
Falsch!
Du darfst in diesem Moment nicht auf die konstruierte Aura der Wahrhaftigkeit, die Sprichwörtern völlig zu Unrecht anhaftet, hereinfallen. Du musst dich wehren. Das einfachste wäre natürlich, mit dem Spruch „Und wer ein Grinsen im Gesicht hat, dem kann auch in selbiges gedroschen werden!“ für klare Verhältnisse zu sorgen. Wir als staatlich anerkanntes Aktionskomitee haben uns aber leider dazu verpflichtet, nicht zur Gewalt aufzurufen. Also wähle diese Möglichkeit nur im Notfall. Unser Motto lautet: Überzeugen statt Vermöbeln!
Schnapp dir also den Unwissenden am Schlawittchen und erläutere ihm im abgeklärten und beruhigenden Tonfall:
„So, du Pisser! Pass ma auf! Mit dem Unsinn, mittels eines Sprichwortes zu Unrecht Zustimmung zu erhalten und mir auf den Sack zu gehen ist jetzt Schluss! Das von dir benutzte Sprichwort ist ein Atavismus des protestantischen Arbeitsethos und steht im krassen Gegensatz zu der aktuellen Trinkveranstaltung, die jawohl eher dem rheinischen Katholizismus zuzuschreiben ist. Du merkst vielleicht schon: Das beißt sich ein wenig! Die ausufernde Einnahme von alkoholhaltigen Getränken, die der eigentliche Grund unserer Zusammenkunft hier ist, wird unweigerlich dazu führen, dass sich mein Zustand immer weiter von dem entfernt, was man gemeinhin als arbeitstauglich bezeichnen würde. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass mein Zustand morgen Früh so sein wird, dass ein eventueller Arbeitseinsatz gefährlich für mich, meine Umwelt und für das Arbeitsprojekt an sich sein wird. Dies legt den Schluss nahe, dass es für alle das beste wäre, wenn ich mich für diese Zeit freiwillig der Arbeit enthalte, um die Situation nicht unnötig zu verschlimmern.“
Durch die gewonnen Fakten lässt sich das widersinnige Sprichwort in ein wahrhaftiges umformulieren. Wir haben festgestellt, dass intensiver Alkoholkonsum zweifellos zur Arbeitsunfähigkeit führt. Daraus lässt sich folgendes Sprichwort ableiten:
Wer arbeiten kann, hat am Tag zuvor zu wenig gesoffen!
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UNSINNIGE SPRICHWÖRTER - Eine Veröffentlichung des Aktionskomitees zur Eliminierung dummbatziger Redensarten aus der Kommunikationskultur der menschlichen Gemeinschaft, kurz AkzEdummRadKdmG
Folge 2: „Morgenstund hat Gold im Mund!“
In der letzten Ausgabe haben wir das Sprichwort „Wer saufen kann, kann auch arbeiten“ als Quatsch entlarvt und durch geschickte Dekonstruktion folgende Essenz der Wahrheit erhalten: „Wer arbeiten kann, hat am Tag zuvor zu wenig gesoffen!“
Hier setzen wir nun direkt mit unserer zweiten Untersuchung an. Stellen wir uns vor, wir wachen morgens auf und können nicht arbeiten. Zunächst können wir uns imaginär auf die Schulter klopfen und zu uns selbst sagen: Fein, fein, du hast anscheinend in ausreichendem Maße gesoffen….
Dieser friedliche Moment der Erkenntnis wird dann jedoch jäh zerrissen, indem eine Person, die nicht du selbst bist, Aktionsvorschläge vorträgt, die dich zum Aufstehen bringen sollen. Irgendwer meint, es sei Zeit zu frühstücken, und ist aus unerfindlichen Gründen zusätzlich der Meinung, dass dies nicht ohne dich über die Bühne gehen kann. Du siehst wehmütig deine Gedankenblase zerplatzen und grummelst den Versuch einer negativen Antwort Richtung Störenfried, jedoch ohne Erfolg. Hier ein erster Exkurs: Sämtliche Kommunikation zu diesem Zeitpunkt ist vollständig für den Arsch! Sowohl für potentielle Bittsteller als auch für dich selbst muss immer gelten:
Vor dem ersten Kaffee, Klappe halten!!!
Weiter im Text: Hat der Störenfried endlich deine ablehnende Haltung zu welchem Projekt auch immer registriert, wird er versuchen, mit einem unschlagbaren Sprichwort dir seinen Plan zu versüßen und vor allem als machbar zu präsentieren. Gezwitschert wird: „Morgenstund hat Gold im Mund…“
Jetzt ja nicht klein beigeben, nur nicht wieder auf die konstruierte Aura der Wahrhaftigkeit, die Sprichwörtern völlig zu Unrecht anhaftet, hereinfallen! Stell dir die entscheidende Frage: Ist das so? Und schon bist du im Bilde, was mit dir getrieben wird, und dir fällt die einzig wirksame Entgegnung ein, die du der Morgenstunde in einer den Rotz der ganzen Nacht loslösenden Art und Weise entgegen schleuderst:
„Dann erstick dran, du scheiß Arsch von Morgenstund!!!“
Jawoll, das hat gesessen. Jetzt aber nicht nachgeben, sondern weiter nachbohren. Warum hat der Morgen einen Mund? Und warum sollte Gold in diesem Mund liegen? Ist doch total alberner und sinnloser Quatsch. Was soll das denn bitte für ein Sprachbild sein? Wenn man Gold im Mund hat, so handelt es sich doch meistens um Zahngold. Denkbar wäre, dass der bettelarme Schuft von Krematoriumsmitarbeiter, der aus deinen verbrannten Überresten eben jenes Zahngold herausfischt, freudig vor sich hin trällert:
„Letzter Kunde, hatte Gold im Munde!“
Nun hätte dieser kleine Essay seine Zielvorgabe verfehlt, wenn er nicht ein neues Sprichwort präsentieren würde, um das absurde Ausgangssprichwort zu ersetzen. Also, wenn du morgens mal wieder für sämtliche Pläne nicht zu haben bist, und „total inne Fritten bist“, wie der Volksmund so sagt, dann zitiere doch einfach folgendes kleine Sprichwort in Gedanken:
Nur wer morgens arg zerknittern ist, kann sich am Tage auch ordentlich entfalten!
Und wenn du den ersten Kaffee drin hast, dann darfst du diesen Satz auch an deine Umwelt senden…