Wer bin ich? Das Rollenspiel der Moderne
Die geistige Vorstellungskraft ist die zentrale Voraussetzung für das Entstehen von Sehnsucht. Und die mal wilden, mal ruhigen Gewässer unserer Vorstellung sind uferlos. Es gibt nichts, was man sich nicht vorstellen könnte. Erschwerend kommt hinzu, dass uns die Moderne heute mit vorgefertigten Vorstellungen überschüttet. Wir werden belagert von idealisierten Bildern, sind umzingelt von vorbildhaften fiktiven Figuren. Die Sehnsucht nach den Idealen wird medial entfacht, indem Perfektion nicht nur als erstrebenswert, sondern auch als machbar dargestellt wird.
Das Supermodell im körperlichen Bereich, der Topmanager im finanziellen Bereich, das Künstlergenie im kulturellen Bereich, der Fußballstar im sportlichen Bereich etc. Diese idealisierten Identitäten fungieren als normative Folie, vor der unsere eigene Identität nur als unzulängliche Diskrepanz wahrgenommen werden kann. So ist das Ich lebenslang auf der nicht enden wollenden Suche. Dabei sind die ersehnten Ideale stets nur Teilidentitäten, perfektionierte Bruchstücke. Indem der Mensch der Pluralität der idealisierten Teil-Identitäten ausgesetzt ist, verliert er sich in ebenso vielen Sehnsüchten, seine eigene Identität wird durch die unendliche Suche nach Verbesserung zur Dauerbaustelle.
Die Arbeiten auf einer solchen Baustelle hat der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in seinem Roman Mein Name sei Gantenbein literarisch umgesetzt.
Der Titel des Romans von Max Frisch verweist bereits auf die erzählerische Grundintention, verschiedene fiktive Identitäten zu erfinden. Der Erzähler versucht das vergangene Geschehen durch verschiedene Perspektiven wahrzunehmen, neben dem blinden Gantenbein erfindet er die Identitäten des Architekten Svoboda und des Kunsthistorikers Enderlin.
Ich stelle mir vor…
Mit dieser Formel werden die verschiedenen Passagen eingeleitet, in denen sich der Erzähler das Geschehen jeweils aus einer von ihm imaginierten Identität aus in Erinnerung zu rufen versucht. Es handelt sich bei den oben genannten Figuren um variierende Personifikationen seines Ichs. Max Frisch erschuf ein literarisches Spiel, bei der die Pluralität der Möglichkeiten experimentell veranschaulicht wird. Das Spiel besteht aus einer Suche, der Suche nach der idealen Identität.
Jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle
Die eingenommenen Erzählperspektiven haben alle etwas unverbindliches. Die Identitäten sind Rollen, bzw. soziale Masken. Aus diesem Grund entscheidet sich der Erzähler letztendlich auch für die Rolle des Gantenbein, da vor dem vermeintlich Blinden alle anderen denken, ihr Rollenspiel aufgeben zu können. So wird Gantenbein zum idealen Beobachter seiner demaskierten Umwelt. Gleichzeitig werden dadurch die Rollen als etwas extrem Künstliches entlarvt, sie werden eingenommen, um der Umwelt etwas vorzuspielen.
Ich probiere Geschichten an wie Kleider
Dieser Vergleich drückt nicht nur die ungezwungene Aneignung von verschiedenen Identitäten durch den Erzähler aus, sondern offenbart auch die Probleme der Identitätsfindung in der Moderne. Die Kleidung hat sich von ihrem funktionalen Zweck der Körpererwärmung zum Konsumgut und Statussymbol entwickelt. Als Statussymbol ersetzt die Kleidung die Suche nach einem inhaltlichen Gehalt der sozialen Rolle, sie funktioniert als Maske. Die Mode, eine von dem abstrakten Gebilde namens Gesellschaft bestimmte Kleidungsnorm, weckt bewusst Sehnsüchte. Dabei spielt jedoch eher die kollektive Identität eine Rolle, was bestimmt jedoch die Suche nach der individuellen Identität?
Was die individuelle Identität ist oder sein kann, hat Hermann Hesse in seinem Roman „Der Steppenwolf“ wunderbar poetisch zum Ausdruck gebracht:
"In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. Dass jeder einzelne dies Chaos für eine Einheit anzusehen bestrebt ist und von seinem Ich redet, als sei dies eine einfache, fest geformte, klar umrissene Erscheinung: diese, jedem Menschen geläufige Täuschung scheint eine Notwendigkeit zu sein, eine Forderung des Lebens wie Atemholen und Essen."
Nach Hesse ist die Identität nicht zu fassen, sie hat keinen festen Ort, ist eher ein Reich des Dazwischen.
Viel einfacher, aber nicht weniger beeindruckend, wird die Problematik in einem alten Volkslied behandelt:
Wenn ich ein Vöglein wär,
Und auch zwei Flüglein hätt,
Flög ich zu dir;
Weils aber nicht kann seyn,
Bleib ich allhier.
Die Sehnsucht nach einer anderen Identität, die eines Vogels, wird hier als unmöglich akzeptiert. Tragisch ist dies jedoch nur deswegen, weil hinter diesem Wunsch eine andere, viel stärkere Sehnsucht steht: Die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen Dieses Urgefühl der Menschheit kann zum positiven Antrieb werden und hat nicht wenige große Werke in Kunst, Musik und Literatur zu verantworten.
Sie kann aber auch extrem melancholisch daherkommen, etwa wenn Onkel Dagobert den Brief, indem die stolze Klondike-Schönheit Lily ihm ihre Liebe gesteht, ungeöffnet in den Schnee wirft, weil er statt der potenziellen Ernüchterung lieber ein Leben lang von der Möglichkeit träumen möchte, geliebt zu werden.
Frisch sieht, ähnlich wie Hesse, die Identität nicht als etwas Feststehendes an. Sein literarisches Spiel enttarnt die Kontingenz des Lebens, indem der Lebensweg als eine Ansammlung von zufälligen, keineswegs alternativlosen Handlungen dargestellt wird. Dabei ist der Versuch, die Wirren des Lebens in den festen Rahmen einer Identität zu zwängen, nur eine Interpretation, eine willkürliche Festsetzung. Denn jedes ich, dass sich ausspricht, ist eine Rolle. Am Ende des Romans gibt sich der Erzähler, nach langer Identitätssuche in der Gegenwart angekommen, befreit von sämtlichen Rollenspielen und Sehnsüchten:
Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir –
Text ist in gekürzter Fassung im Katalog zur Ausstellung "Ortlos - Vom Sehnen und Suchen" (11.07.-07.09.2008, Zeppelin Museum Friedrichshafen) erschienen.
Willkommen in meinem Theater. Hier präsentiere ich einen subjektiven Blick, nämlich meinen, des Poppenspälers Blick. Einiges ist selbst produziert, anderes jedoch zusammengetragen. Denn ein Theater ist alleine nicht zu führen, man braucht andere Künstler. Das Programm steht unter dem Motto: Kultur der Freiheit, Produktivität des Müßiggangs. Die Vorführungen sind unterteilt in schriftliche, akustische und audiovisuelle Beiträge. Und nun, Vorhang auf!
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http://the-humblebee.blogspot.com/2010/09/wer-bin-ich-und-wenn-ja.html
AntwortenLöschenI like ^^ Bin ja immer noch nicht bei Facebook und muss daher hier quasi manuell Eigenwerbung machen ;) Clip passt zum Thema Rolle und Identitäten hervorragend. Hoffe, du übersiehst den Spam-Faktor und umarmst die vernetzte Interaktion der Freundschaft! Der Roman kommt die Tage dann endlich auch mal dran...
Taketh care!
Servus, hab ich doch als treuer humblebee-fan der ersten Stunde längst konsumiert!!! Werde die Erinnerung aber nochmal auffrischen!
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